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Geschrieben von anders am 10.07.2007 um 07:20:

  Poker: Glücksspielsucht durch legitimiertes Internet und Fernsehen?

ZOCKER-STUDENT AM POKERTISCH

"Geduld ist mein Erfolgsrezept"
Von Christopher Haarhaus
Backgammon und Schach waren gestern, der Pokerboom hat das Studentenmilieu erreicht. Erik von Buxhoeveden, 22, finanziert sich am Kartentisch sogar das Studium. Wen wird die Pokerwelle hinterlassen - reiche Studenten oder spielsüchtige Studienabbrecher?

Auf Kellnern oder Nachhilfe geben hat Erik von Buxhoeveden keine Lust. Der Wiener Student finanziert sein Studium lieber mit Kartenspielen. Über eine private Pokerrunde führte sein Weg an den virtuellen Pokertisch im Internet; mit dem Anmeldebonus einer Pokerplattform sammelte er langsam, aber stetig seine ersten Gewinne.

Da er konsequent kein eigenes Geld beisteuerte, war viel Geduld nötig, um mit den niedrigen Einsätzen seinen Ertrag zu steigern. "Diese Geduld", sagt von Buxhoeveden, "ist mein Erfolgsrezept." Nach einem halben Jahr spielt er mittlerweile bis zu 300 Euro im Monat ein, entsprechend sind auch seine Einsätze gestiegen. Durch systematisches Wechseln der Anbieter holt er sich jeweils den Anmeldebonus, will seine Gewinnspanne optimieren und den Ertrag bald auf 500 Euro im Monat schrauben - vorerst.

"Je nach Tagesform" ist der Student der Internationalen Entwicklung an bis zu sechs virtuellen Pokertischen zugleich aktiv. Nach vier bis fünf Stunden stößt er an seine Grenzen: "Wenn ich dann merke, dass die Konzentration nachlässt, ist Schluss." Pro Woche kommen da schnell 20 Stunden Online-Zocken zusammen.

Weitere drei bis fünf Stunden investiert Erik von Buxhoeveden, 22, in seine spieltaktische Weiterbildung - die Beschäftigung mit einschlägiger Pokerliteratur oder der Recherche in Pokerforen. Denn der Erfolg beim Pokern ist für ihn keine Frage des Glücks: "Das Blatt, damit verbunden auch das Glück, verteilt sich über kurz oder lang auf alle Spieler gleich. Am Ende hat derjenige die Nase vorn, der strategisch am meisten drauf hat."

"Glücksspiel mit erhöhtem Suchtpotenzial"

Eine Sichtweise, die Professor Tilman Becker von der Forschungsstelle Glücksspiel an der Universität Hohenheim nicht gefällt. Für ihn gehört Poker zu den Glücksspielen mit einem "erhöhten Suchtpotenzial", gerade weil es "bis zu einem gewissen Grad den Anschein eines Geschicklichkeitsspiels hat". Der Anteil der Geschicklichkeit hängt dabei größtenteils von den Mitspielern ab. "Wenn man um die Wahrscheinlichkeiten weiß und über ausreichend Spielerfahrung verfügt, ist der Rest vor allem Glück."

"Der Nervenkitzel, das Schlüpfen in Rollen und die erfahrbare Selbstbestätigung", so Becker, machen das Pokern bei Studenten so beliebt - und steigern gleichzeitig die Suchtgefahr. "In den schlimmsten Fällen kann die Spielsucht dazu führen, Klausuren zu versäumen oder nicht zu bestehen und so zum Studienabbruch beitragen." Der Forschungsstand sei aber mäßig, der Pokerboom schlicht noch zu jung, nicht ausreichend, um Prognosen zu treffen, räumt er ein.

Trotz des aus seiner Sicht unbestreitbaren Suchtpotenzials kann Becker der Pokerwelle auch etwas Positives abgewinnen: die soziale Komponente - jedenfalls am "echten" Pokertisch. Dort lässt sich in Deutschland außerhalb der staatlich lizenzierten Casinos offiziell kein Geld machen, denn das Glücksspielmonopol hat der Staat. Beim Online-Poker ist jedoch der Standort des Spiels umstritten: Wird am heimischen PC gezockt, oder gilt der Server des Anbieters (meist in Ländern mit liberaler Glücksspielverordnung) als Standort?

Geht es um Veranstaltungen, bei denen sich Teilnehmer zum Pokern treffen, ist die Rechtssprechung eindeutig: Eintritts- oder Antrittsgelder dürfen nur zur Deckung der Veranstaltungskosten verwendet werden, Preise daraus nicht generiert werden.

Wie gemacht für gemütlichen Abend mit Kommilitonen

Das erste Universitäts-Poker-Turnier an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg im April war dennoch ein Renner. Die Zahl der Anmeldungen war so hoch, dass der Studierendenrat als Veranstalter gleich ein weiteres Turnier plant. Dann werden wieder knapp 200 Studenten in der Mensa des Studentenwerks um Sachpreise wie Büchergutscheine zocken.

Mitorganisator Jan Wioland führt den Aufschwung des Spiels auch auf die verhältnismäßig simplen Regeln zurück. Dadurch funktioniere Poker als Spiel "für gesellige Runden in entspannter Atmosphäre, zu dem es sich gerne ein Bier trinkt und bei dem man - anders als beim Schach - gemütlich quatschen kann". Eben wie gemacht für einen netten Abend unter Kommilitonen.

Auch Professor Becker hat in jungen Jahren leidenschaftlich gern gepokert und schätzt das Spiel als geselligen, interessanten Zeitvertreib. Dass Pokern momentan unter Studenten das beliebteste Glücksspiel sei, hält er dennoch für eine Modeerscheinung: "Die Bedeutung, die dem Spiel jetzt zugeschrieben wird, wird es nicht auf Dauer behalten. Am Ende wird es bei einigen Insidern bleiben."

Das hofft Erik von Buxhoeveden natürlich nicht - schließlich hat er noch einige Semester vor sich, die finanziert sein wollen. Doch was das Internet-Pokern angeht, muss er sich keine Sorgen machen: Die Anbieter sehen noch große Chancen, weil beispielsweise der asiatische Markt bei weitem noch nicht ausgeschöpft sei und hohe Wachstumsraten verzeichne. Und auch in Asien gibt es eine Menge Studenten mit schmalem Portemonnaie.

Gefunden unter: http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,493075,00.html


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